

Hugo Wormsbecher: Schriftsteller, Publizist, Schlüsselfigur der russlanddeutschen Bewegung.
Nur wenige Menschen haben ihr Leben so stark mit der Republik der Wolgadeutschen verbunden, wie Hugo Wormsbecher. Bis zu seinem Lebensende blieb er der Idee der Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit für die Russlanddeutschen treu. Er vertrat die Meinung, dass die russlanddeutsche Identität nur in Russland bewahrt werden kann
Hugo Wormsbecher wurde am 26. Juni 1938 in der Wolgadeutschen Republik in Marxstadt geboren, in der Familie der evangelischen Wolgadeutschen Emma Diesendorf und Gustav Wormsbecher. Hugos Vorfahren väterlicherseits waren aus Marburg (Friedenwald) nach Russland gekommen und sind in den Listen der Erstsiedler von Katharinenstadt (später Marxstadt) vermerkt. Von Beruf waren sie Maurer und Ofenbauer. Mütterlicherseits waren die Mitglieder der Familie Diesendorf wohlhabende Pferdezüchter. Gustav und Emma hatten vier Kinder, Hugo wurde als drittes geboren
Drei Jahre später wurde die Familie deportiert: Zusammen mit vielen anderen Wolgadeutschen wurden die Wormsbechers ins Altai-Gebiet in Sibirien gebracht, und zwar in das Dorf Toptschicha. Seine Kindheit verbrachte der Junge in der Sondersiedlung, sein Vater war in der Arbeitsarmee, und all das prägte Hugos weiteres Leben

Wormsbechers berufliche Laufbahn umfasste sowohl eine technische als auch eine geisteswissenschaftliche Seite. Zunächst arbeitete er als Fräser, dann nahm er als Elektriker an topographischen Expeditionen in die Halbwüsten und Waldsteppen Kasachstans teil. Nach seiner Heirat zog er nach Almaty und wurde Lehrer für Deutsch und Sport
Aber Hugo war Wolgadeutscher und kannte die Geschichte seines Volkes. Daher konnte er gegenüber dem Schicksal der Russlanddeutschen nicht gleichgültig bleiben, und sobald es möglich wurde, schrieb er einen Brief an Nikita Chruschtschow. Dies geschah im Jahre 1963, und in dem Schreiben erläuterte er dem Generalsekretär die Probleme der Russlanddeutschen: die Rehabilitation und die Wiederherstellung der Autonomie

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-B0628-0015-035 / Heinz Junge / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Foto: Q134871558, Public domain, via Wikimedia Commons
Später, im Jahre 1965 war Hugo Wormsbecher Mitglied der ersten zwei Delegationen, die zum Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR Anastas Mikojan abgesandt wurden. Der Vorsitzende des Obersten Sowjets lehnte damals deren Forderungen ab und wies darauf hin, dass das Gebiet der ehemaligen Wolgadeutschen Republik bereits besiedelt sei. Eine Wiederherstellung der Autonomie sei daher nicht möglich. Aber bei dieser Gelegenheit wurde auch die Frage nach der Bewahrung der russlanddeutschen Kultur und Sprache auf Regierungsebene gestellt
Zwar versprach Anastas Mikojan Unterstützung in dieser zweiten Angelegenheit und auch, dass die Delegationsmitglieder nicht verfolgt würden, dennoch wurde alle Beteiligten unter Druck gesetzt: Viele verloren ihre Arbeitsstellen, alle wurden überwacht und abgehört
Hugo stritt nicht ab, dass er in bestimmtem Umfang mit der Regierung zusammenarbeitete, aber lehnte die Behauptung ab, dass ihm die Machthabenden die Stelle des Redakteurs der „Nowaja Gaseta“ („Neue Zeitung“) in Moskau verschafft hätten. Allerdings war Wormsbecher der Meinung, dass Russlanddeutsche nur in der Sowjetunion (bzw. später in Russland) leben könnten, und dieser Standpunkt war besonders für die sowjetische bzw. russische Wirtschaft von Vorteil
Das erste Studium am Moskauer Energie-Institut brach Hugo im dritten Studienjahr ab, weil er sein Leben der Literatur widmen wollte. 1965 begann Wormsbecher, das Schicksal der verfolgten Russlanddeutschen in der Zeitung „Freundschaft“ anzusprechen, die in Zelinograd (heute Astana, Kasachstan) veröffentlicht wurde. In dieser Tätigkeit entwickelte er sich rasch, zog nach Moskau, und bereits 1969 wurde er Redakteur der Zeitung „Neues Leben“. Hugo Wormsbecher studierte daraufhin am Moskauer Polygraphischen Institut und absolvierte die Fakultät für Redaktionswesen
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1969 beginnt er die Arbeit an seiner Erzählung „Unser Hof“, die größtenteils auf Lebensgeschichten von Russlanddeutschen basiert, auch seine eigene Biografie floss darin ein
Insbesondere der Protagonist, ein kleiner Junge, sowie dessen Mutter und Vater ähneln Hugo und seinen Eltern sehr. Die Erzählung ist mitreißend, teilweise auch grausam, sie beschreibt die damaligen Schrecken mit den Augen eines dreijährigen Kindes. Einige Elemente sammelte der Autor aus anderen, ähnlichen Schicksalen von Russlanddeutschen: die Tatsache, dass der Sohn seinen ausgelaugten Vater nach der Arbeitsarmee nicht erkennt, dass die Mutter erfriert und dass die Schwester des Jungen von Wölfen zerrissen wird
Das war eines der ersten literarischen Werke, die die Deportation und die Arbeitsarmee thematisierten. Auf Grundlage der Erzählung schuf das Theater der Stadt Tara das Theaterstück „Papin sled“ („Papas Spur“). 1975 schrieb er die Erzählung „Imja vernët pobeda“ („Der Sieg wird den Ruf wiederherstellen“), in der erneut das Thema der Arbeitsarmee aufgegriffen wurde
In seinem Werk „Šag vlevo, šag vpravo“ (Schritt nach rechts, Schritt nach links“) (1989) sucht Wormsbecher nach den Ursprüngen der sowjetdeutschen Literatur. Die Russlanddeutschen beschreibt er als Kind zweier Völker, des deutschen und des russischen. Seine Hypothese lautet, dieses Kind werde verschwinden, sobald eines der beiden Elemente nicht mehr vorhanden sei. Sowohl in der Sowjetunion als auch im Falle einer Auswanderung in die BRD würden die Russlanddeutschen sprachlich und kulturell assimiliert

Besonders hervorheben muss man Wormsbechers Beitrag zur Bewahrung und Erstellung einer maschinell geschriebenen Kopie des Romans «Wir selbst» des großen Vorkriegsautors Gerhard Sawatzky. Das wurde dadurch möglich, dass Hugo die Witwe des Autors fand und überredete, ihm eine Kopie des Manuskripts zu übermitteln
Bei den Parteitagen der „Wiedergeburt“ 1988 kritisierte Hugo Wormsbecher als Mitvorsitzendender die radikale Sichtweise Heinrich Grouts, der von der Untätigkeit der Regierung empört war und für die Auswanderung aller Sowjetdeutschen in die BRD warb. Daraufhin spaltete sich die Partei
Anfang der 1990er Jahre existierten auch andere Lösungsansätze für das Problem einer russlanddeutschen Staatlichkeit, so z.B. die Gründung von deutschen Nationalrajons in den damaligen deutschen Siedlungsgebieten
In einem Interview 2012 wies Hugo auf seine Unterstützung bei der Gründung von deutschen Nationalrajons hin: des Nationalrajons Asowo im Gebiet Omsk, sowie des Nationalrajons Halbstadt in der Region Altai
Nachdem Präsident Jelzin 1992 verkündete, dass es keine Autonomie an der Wolga geben werde, blieb Wormsbecher seinem Ziel treu und setzte sich weiterhin für eine territoriale Autonomie für Russlanddeutsche ein, aber nun interessierte er sich für ein entsprechendes Projekt im Gebiet Kaliningrad
Die letzten 15 Jahre seines Lebens war Wormsbecher weiterhin schriftstellerisch tätig und verfasste Briefe an Politiker in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit des russischen Präsidenten und der deutschen Kanzlers zu erhalten
Hugo kritisierte die russlanddeutschen Verbände: die Föderale Nationale Kulturautonomie und den Internationalen Verband der Deutschen Kultur – für deren Verzicht auf die Wiederherstellung einer territorialen russlanddeutschen Staatlichkeit
In der Sendung „Čto delat?“ („Was tun?“) äußerte Hugo Wormsbecher 2014 die Idee, an den ehemaligen Siedlungsorten der Russlanddeutschen Industriestandorte zu gründen, sodass die Deutschen in ihre Heimat im Wolgagebiet zurückkehren würden. Aber die russische Regierung hatte offenbar andere Pläne
Hugo
Wormsbecher
26. Juni 1938 - 20. November 2024
Hugo Wormsbecher starb im November 2024 und ging in die Geschichte der Russlanddeutschen als herausragender Aktivist der Bewegung für eine Wiederherstellung der Wolgadeutschen Republik ein
Obwohl ein Großteil seiner Familie in die BRD auswanderte, empfand er sich selbst als untrennbar mit Russland verbunden











