Tag der Russlanddeutschen 2026 - Spuren der Vergangenheit – Wege in die Zukunft
- vor 3 Tagen
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Was bedeutet russlanddeutsche Identität heute? Wie wirkt die Erfahrung früherer Generationen bis in die Gegenwart hinein – und wie kann russlanddeutsche Kultur in Deutschland weiterentwickelt und an kommende Generationen weitergegeben werden?

Diesen Fragen widmete sich der „Tag der Russlanddeutschen: Spuren der Vergangenheit – Wege in die Zukunft“, den die Riwwel gUG am 28. August 2026 in Berlin veranstaltete. Anlass war der 85. Jahrestag des Beginns der Deportation der Russlanddeutschen in der Sowjetunion.
Die Veranstaltung verband die Erinnerung an Deportation und Repression bewusst mit einem Blick auf Gegenwart und Zukunft. Denn russlanddeutsche Geschichte besteht nicht nur aus den traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Sie umfasst ebenso Sprache, Literatur, Musik, Familiengeschichten, Küche, Traditionen und neue kulturelle Ausdrucksformen.
Kultur erleben
Der erste Teil des Tages machte russlanddeutsche Kultur auf unterschiedliche Weise unmittelbar erfahrbar.
In einem von den Beteiligten gestalteten Ausstellungs- und Museumsbereich wurden persönliche Gegenstände, Familiengeschichten und historische Materialien präsentiert. Eine eigens entwickelte Informationswand und Infografik vermittelte Hintergründe zur Deportation der Wolgadeutschen.

Die Besucher konnten außerdem an verschiedenen Angeboten teilnehmen, darunter ein Fotostickerei-Workshop, und gemeinsam ein traditionelles Gericht zubereiten. Mit Kvast und einem Ärbushoniggetränk auf Basis von Wassermelonenhonig konnten zugleich zwei überlieferte Getränke der Wolgadeutschen kennengelernt werden.

Auch Literatur war ein wichtiger Bestandteil des Programms. Bei einer Mini-Lesung präsentierten Olga Horn, Alexander Makeev, Alisha Gamisch und Maria Lotsmannova unterschiedliche literarische Zugänge zu Familiengeschichte, Migration, Erinnerung und russlanddeutscher Identität.

Wie wollen wir über russlanddeutsche Kultur sprechen?
Den musikalischen Auftakt gestalteten Helena Goldt und Morgan Nickolay. Ihr Beitrag griff unmittelbar den historischen Anlass des 28. August auf und erinnerte musikalisch an die Deportation von 1941 und die Erfahrung der Russlanddeutschen in der Trudarmee. Damit begann der Tag bewusst mit der Erinnerung an eine der prägendsten Erfahrungen der russlanddeutschen Geschichte.

In den zwei Podiumsdiskussionen ging es um Erinnerung, Identität und die Zukunft der russlanddeutschen Kultur.
In der ersten Podiumsdiskussion über die Vergangenheit machte Ella Schindler, Spätaussiedlerin und Medienmanagerin, deutlich, dass die Geschichte der Russlanddeutschen Teil der deutschen Geschichte sei. Deshalb müsse sie auch stärker Eingang in Schulen und andere Bildungsangebote finden. In einzelnen Bundesländern gebe es bereits Ansätze, insgesamt sei das Thema jedoch weiterhin zu wenig präsent.

Maria Hasenkampf, die in der Verbannung in Sibirien geboren wurde, sprach darüber, wie stark die sowjetische Vergangenheit bis heute die Identität vieler Russlanddeutscher prägt. Zugleich sei es wichtig, sich nicht dauerhaft über eine Opferrolle zu definieren. Die heutige Generation habe die Möglichkeit und Verantwortung, ihre Kultur selbst weiterzuentwickeln.
Auch die Perspektive jüngerer Generationen spielte eine zentrale Rolle. Alisha Gamisch, die bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, sprach darüber, wie Erfahrungen früherer Generationen über Familienerzählungen, Erziehungsmuster und gesellschaftliche Verhaltensweisen weitergegeben werden können.
Gleichzeitig eröffnet die größere zeitliche Distanz neue Möglichkeiten, sich der eigenen Familiengeschichte mit Neugier und weniger Angst zu nähern.

Zu Beginn der zweite Diskussion über die Zukunft stellte die Moderatorin Valeria Dobralskaya Nikita Heidt, Geschäftsführer der Riwwel gUG, eine zentrale Frage: „Was ist russlanddeutsche Kultur?“ In seiner Antwort ging es darum, russlanddeutsche Kultur nicht ausschließlich über Deportation, Repression und die traumatischen Erfahrungen früherer Generationen zu definieren. Diese Geschichte bleibe ein unverzichtbarer Teil der eigenen Identität und Erinnerung.
Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie über russlanddeutsche Geschichte und Kultur gesprochen werden wird, wenn immer weniger Zeitzeugen leben, die Deportation und Repression selbst erlebt haben. Damit rückt die Rolle der nachfolgenden Generationen stärker in den Mittelpunkt: Welche Themen werden sie mit russlanddeutscher Identität verbinden? Welche Bedeutung werden Sprache, Literatur, Musik, Küche, familiäre Traditionen und neue kulturelle Ausdrucksformen haben? Und braucht es neben dem Gedenken an die Vergangenheit auch mehr Räume, in denen russlanddeutsche Kultur als lebendige Gegenwart sichtbar wird und weiterentwickelt werden kann?

Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, betonte, dass russlanddeutsche Kultur nicht nur an einzelnen Gedenk- oder Aktionstagen sichtbar sein sollte. Erinnerung und Kultur müssten vielmehr selbstverständlich im gesellschaftlichen Alltag gelebt werden.
Dara Kossok-Spieß, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Spandau, beschrieb russlanddeutsche Identität als Verbindung unterschiedlicher Erfahrungen und Zugehörigkeiten. Gerade diese Vielschichtigkeit könne ein Teil einer gemeinsamen und vielfältigen deutschen Gesellschaft sein.
Musikalische Beiträge ergänzten die Gespräche und zeigten zugleich, dass russlanddeutsche Kultur nicht nur Gegenstand historischer Erinnerung ist, sondern in der Gegenwart weiterlebt und neue Formen annimmt.
Auch aktuelle politische Fragen wurden diskutiert
Neben Geschichte, Kultur und Identität ging es in den Podiumsgesprächen auch um konkrete politische Fragen, die Russlanddeutsche und Spätaussiedler heute betreffen.
Dr. Bernd Fabritius wurde zur Situation von Menschen deutscher Herkunft gefragt, die nach dem 31. Dezember 1992 geboren wurden und nach den geltenden Regelungen nicht mehr unter denselben Voraussetzungen wie frühere Generationen als Spätaussiedler aufgenommen werden können.
Fabritius machte deutlich, dass er sich innerhalb der Regierungskoalition aktiv dafür einsetzt, eine entsprechende Aufnahmemöglichkeit für diese jüngere Generation zu schaffen und politisch umzusetzen. Auf eine Nachfrage der Moderatorin betonte er, dass eine künftige Regelung gerade jungen Menschen, die nach 1992 geboren wurden, wieder eine Möglichkeit zur Einreise und Aufnahme in Deutschland eröffnen sollte.
Ein weiteres Thema war der Garantiefonds Hochschule. In der Diskussion bestand breite Einigkeit darüber, dass dieses Förderinstrument für Bildung, Studium und gesellschaftliche Teilhabe von großer Bedeutung ist und erhalten werden sollte.

Dabei wurde auch der persönliche Bezug sichtbar: Sowohl Dr. Bernd Fabritius als auch Nikita Heidt berichteten, dass der Garantiefonds Hochschule ihnen selbst auf ihrem Bildungsweg geholfen habe. Alle Beteiligten sprachen sich dafür aus, dieses Instrument auch künftig zu erhalten.
Mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen wurde Dara Kossok-Spieß außerdem gefragt, wie sie die Zukunft der Berliner Ansprechperson für Deutsche aus Russland, Spätaussiedler und Vertriebene sieht.
Als Vertreterin von Bündnis 90/Die Grünen sprach sie sich nicht nur für den Erhalt, sondern für eine Stärkung des Amtes aus. Gleichzeitig sollte die Arbeit der Ansprechperson ihrer Ansicht nach stärker mit den Berliner Bezirken verbunden werden, damit die unterschiedlichen Teile der russlanddeutschen Community vor Ort besser erreicht werden können.

Damit wurde deutlich: Die Frage nach der Zukunft russlanddeutscher Identität ist nicht nur eine kulturelle oder historische. Sie betrifft ebenso Zuwanderung, Bildungschancen, politische Teilhabe und die institutionelle Sichtbarkeit der Community.
Begegnung auch nach dem offiziellen Programm
Nach dem offiziellen Teil endete der Tag bewusst nicht mit der letzten Podiumsdiskussion.
Im Biergarten konnten die Teilnehmer in ungezwungener Atmosphäre weiter miteinander ins Gespräch kommen, neue Kontakte knüpfen, persönliche Erfahrungen austauschen und Ideen für zukünftige Projekte diskutieren.

So verband der „Tag der Russlanddeutschen“ drei Ebenen miteinander: historische Erinnerung, gelebte Kultur und persönlichen Austausch.
Der 85. Jahrestag der Deportation bleibt ein wichtiger Anlass, an Verfolgung, Entrechtung und die Folgen staatlicher Repression zu erinnern. Gleichzeitig besteht russlanddeutsche Kultur nicht nur aus den Spuren dieser Vergangenheit. Sie lebt dort weiter, wo Menschen ihre Sprache, Literatur, Musik, Familiengeschichten und Traditionen bewahren, verändern und neu interpretieren.

Den musikalischen Abschluss des offiziellen Programms bildete die bekannte Rap-Künstlerin ZAVET. In ihrem Lied „Zuhause“ setzt sie sich mit Fragen von Identität, Heimat und Zugehörigkeit auseinander – Themen, die auch den gesamten Tag geprägt hatten.
Nach ihrem Auftritt holte ZAVET die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sowie das Organisationsteam auf die Bühne. Damit endete der offizielle Teil der Veranstaltung mit einem sichtbaren Dank an diejenigen, die den „Tag der Russlanddeutschen“ gemeinsam möglich gemacht hatten.
Rund 40 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer waren an der Vorbereitung und Durchführung des Tages beteiligt – bei Workshops und Ausstellung, beim Aufbau, in der Organisation, bei der Betreuung der Gäste und in vielen weiteren Bereichen. Ohne dieses gemeinsame Engagement wäre die Veranstaltung in dieser Form nicht möglich gewesen.

Ein riesiges Dankeschön an euch alle!
Wir danken auch unseren Freunden und Partnern von wir.de herzlich für die Bereitstellung der Räumlichkeiten und die Unterstützung vor Ort.
Weitere Eindrücke von der Veranstaltung, festgehalten von unserem Fotografen Dima Bruschko, sind in unserer Facebook-Gruppe zu finden. Wir freuen uns, wenn ihr uns dort folgt und mit uns in Kontakt bleibt.
Gefördert durch das Kulturreferat für Russlanddeutsche mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.


