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Zwischen Herkunft, Bühne und Zugehörigkeit: Im Gespräch mit der Künstlerin Kristina Schleicher

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Zwei junge Frauen, zwei unterschiedliche Wege nach Kiel – und trotzdem viele gemeinsame Fragen. Für Riwwel treffen sich Eva Gartman und die Künstlerin Kristina Schleicher zu einem persönlichen Gespräch über Familie, Kunst, Migration und die Frage, warum manche Geschichten noch immer zu wenig sichtbar sind.


Eva: Du arbeitest als Tänzerin, Schauspielerin und Performance-Künstlerin. Wie hat dein Weg eigentlich angefangen?


Kristina: Tanz war schon sehr früh ein Teil meines Lebens. Ich habe als Kind in einem russischsprachigen Umfeld Unterricht bekommen und dadurch viele verschiedene Tanzstile kennengelernt. Später habe ich mich auf zeitgenössischen Tanz spezialisiert, aber Theater hat mich genauso interessiert. Nach dem Abi bin ich deshalb nach Hamburg gegangen und habe dort Schauspiel studiert. Seit meinem Abschluss arbeite ich freischaffend – mal an eigenen Projekten, mal mit anderen Künstlerinnen zusammen.


Eva: In dem Stück Between Volga & Void geht es auch viel um deine eigene Geschichte und die Geschichte der Spätaussiedlerinnen. Wann hast du gemerkt, dass du daraus Kunst machen möchtest?


Kristina: Das kam nicht plötzlich, sondern eher Schritt für Schritt. Ich habe mich schon länger mit Fragen zu Sprache, Herkunft und Identität beschäftigt. Gleichzeitig gab es diesen Satz meiner Oma, der mich nie losgelassen hat: „Über uns gibt es keine Filme.“ Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich genau darüber arbeiten möchte – über Menschen, deren Geschichten oft unsichtbar bleiben. Dazu kam auch das Gefühl, dass die Erinnerungen meiner Großeltern nicht für immer da sein werden. Ich wollte diese Geschichten festhalten, solange es noch möglich ist.


Eva: Viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen dieses Gefühl, irgendwie „dazwischen“ zu stehen. War das auch etwas, das du in deiner Arbeit zeigen wolltest?


Kristina: Auf jeden Fall. Ich glaube, dieses Gefühl verbindet viele Menschen – auch wenn ihre Geschichten unterschiedlich sind. Als zweite Generation bewegt man sich oft zwischen mehreren kulturellen Räumen. Man gehört zu allem ein bisschen und gleichzeitig manchmal nirgendwo ganz. Mich hat interessiert, wie sich Zugehörigkeit verändert und wie sehr sie davon abhängt, wie andere Menschen einen wahrnehmen. Während der Arbeit habe ich gemerkt, dass Identität viel komplexer ist als nur Sprache oder Herkunft.


Eva: Was war dir besonders wichtig, dem Publikum mitzugeben?


Kristina: Vor allem Sichtbarkeit. Ich wollte zeigen, dass Spätaussiedler*innen ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft sind – und auch der Kulturlandschaft. Gleichzeitig war es mir wichtig, weg von Klischees zu kommen. Viele Menschen wissen wenig über die Geschichte der Community oder verbinden damit sehr stereotype Bilder. Ich wollte einen emotionalen Zugang schaffen, nicht nur einen historischen. Im Stück hört man deshalb auch Stimmen aus Interviews mit Menschen aus der Community. Dadurch entsteht etwas sehr Persönliches.


Eva: Gab es Momente während des Prozesses, die besonders schwierig waren?

Kristina: Ja, definitiv. Emotional war die größte Herausforderung, wirklich ehrlich zu sein und mich nicht hinter einer Rolle oder Ästhetik zu verstecken. Gerade wenn das Thema so nah an der eigenen Biografie ist, macht man sich natürlich verletzlich. Und organisatorisch war es gar nicht so einfach, möglichst unterschiedliche Stimmen aus der Community einzubringen. Ich wollte, dass verschiedene Generationen und Perspektiven vorkommen.


Eva: Hast du das Gefühl, dass Geschichten von Spätaussiedler*innen inzwischen sichtbarer werden?


Kristina: Langsam, aber es ist noch viel zu wenig. Im Kulturbereich gibt es nach wie vor nur wenige Künstler*innen mit diesem Hintergrund. Gleichzeitig merke ich, dass sich etwas bewegt und mehr Menschen anfangen, ihre eigenen Perspektiven sichtbar zu machen. Ich hoffe, dass noch viel mehr Geschichten erzählt werden – nicht nur in der Kunst, sondern generell öffentlich.


Eva: Und was würdest du der zweiten Generation von Spätaussiedler*innen gerne mitgeben?


Kristina: Dass sie nicht allein sind. Und dass unsere Geschichten es wert sind, erzählt zu werden. Ich glaube, es ist wichtig, mit den eigenen Familien im Gespräch zu bleiben und Fragen zu stellen – besonders solange die ältere Generation noch da ist. Gleichzeitig wünsche ich mir mehr Austausch innerhalb der Community. Oft merkt man erst durch Gespräche mit anderen, wie viele Erfahrungen man eigentlich teilt.


Fotos: Pola Rader

Interview mit Kristina geführt: Eva Gartman

Textredaktion: Evgeny Rayder

 
 
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